Lehrveranstaltungen

Klinische Modelle und Psychotherapieforschung

Prof. Dr. Michele Wessa

Kurzname: Klin.Mod.Psy.th.fors
Kursnummer: 02.132.2270

Inhalt

Thema: Klinische Persönlichkeitspsychologie

Klinische und Persönlichkeitspsychologen interagieren weniger miteinander, als sie angesichts ihrer ähnlichen Forschungsinteressen sollten. Die aktuelle Debatte um eine Transition von dem derzeit noch vorwiegend kategorialen Diagnosesystem (DSM-5; ICD-11) zu einem dimensionalen Ansatz der Diagnose psychischer Störungen und sog. Persönlichkeitsstörungen, bietet eine einmalige Gelegenheit beide Subdisziplinen (wieder) miteinander in Verbindung zu bringen.

Seit Jahrzehnten haben sich Persönlichkeitspsychologen auf eine einheitliche Struktur individueller Differenzen geeinigt. Somit zählt das Fünf-Faktoren Modell (FFM) zu dem am meisten erforschten allgemeinen Persönlichkeitsstrukturmodell. Ebenso wie reduktionistische kategoriale Ansätze, sind auch Trait-Modelle mit Schwierigkeiten hinsichtlich der diagnostischen Spezifität umschriebener Merkmalseigenschaften behaftet. Vor allem die Integration klinischer Phänomene stellt das FFM vor Herausforderungen, die richtungsweisend für künftige Forschung an der Schnittstelle von Persönlichkeits- und klinischer Psychologie sind. Obwohl Experten davon ausgehen, dass psychische Störungen und Persönlichkeitsstörungen Extrema der normativen Persönlichkeitsdimensionen darstellen, sind maladaptive Varianten etablierter Persönlichkeitseigenschaften nur unzureichend operationalisiert. Das eigentliche Kernproblem dieses und ähnlicher Modelle besteht jedoch darin, dass sie dynamische Aspekte Persönlichkeitsstörungen, die aus der klinischen Literatur bekannt sind, außer Acht lassen und damit einen zentralen Aspekt pathologischer Persönlichkeitsmerkmale vernachlässigen. Neuere Ansätze versuchen dieses Problem zu beheben und wenden sich zunehmend der Untersuchung dynamischer (Persönlichkeits-)Prozesse zu, die maladaptiven Persönlichkeitseigenschaften unterliegen und diese somit nachvollzieh- und ggf. veränderbar machen.

Mit diesen Herausforderungen und daraus erwachsenden Implikationen für die Wissenschaft und Praxis wollen wir uns in diesem Seminar beschäftigen. Hierzu explorieren wir die Phänomenologie ausgewählter affektiver (z.B., chronische Depression) und Persönlichkeitsstörungen (z.B., andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung; Borderline Persönlichkeitsstörung) anhand aktueller Forschungsergebnisse, evidenzbasierter Therapiemanuale und Fallbeispiele durch die Linse der interpersoneller Theorien.

Entlang der Literatur zu repräsentativen Störungsbildern erarbeiten wir uns mögliche Ätiologiemodelle und damit zusammenhängende störungspezifische Affekt-, Motiv-, Wahrnehmungs- und interpersonelle Verhaltensmuster. In einem weiteren Schritt betrachten wir, inwiefern diese Prozesse möglicherweise in der klinischen Realität individualisiert konzeptualisiert ggf. modifiziert werden können.

Neben Einblicken in Aspekte der Persönlichkeitsdiagnostik, pathologische Persönlichkeitsfacetten und assoziierte zwischenmenschliche Prozesse, soll Ihnen dieses Seminar die Gelegenheit bieten, zu explorieren, wie und mit welchem Nutzen sich normative Konzepte von Persönlichkeit in die klinische Realität übersetzen lassen, vor welchen Herausforderungen die Erforschung psychischer Störungen steht und wie sich der Widerspruch zwischen Allgemeingültigkeit und Fallspezifität in der klinischen Praxis auflösen lassen kann.

Termine:

Datum (Wochentag)UhrzeitOrt
18.01.2020 (Samstag)10.00 - 18.00 Uhr01 141 Seminarraum IV
9183 - Taubertsberg I
25.01.2020 (Samstag)10.00 - 18.00 Uhr01 141 Seminarraum IV
9183 - Taubertsberg I

Semester: WiSe 2019/20